Von der Religion

 

Schon seit Jahrtausenden erschafft der Mensch religiöse Systeme und Mysterien. Seien es Bestattungen, die schon bei den Neandertalern über den Bereich des Praktischen hinausgingen, der Schamanismus der frühen Menschen, die Naturreligionen der noch heute existierenden Naturvölker oder die umfassenden großen Weltreligionen: All diese Systeme sind vom Menschen erdacht und scheinbar ist es dem Menschen nicht möglich ohne Religionen oder Mysterien zu leben.

Hier sei angemerkt, dass auch der Atheismus in dieses Bild passt, da er sich erst als Gegenpart zum Theismus entwickelt und auf vielfältige Art durchgesetzt hat. Es existieren Religionen, denen der Atheismus zugrunde liegt, somit kann man den Atheismus ebenfalls zu den vom Menschen erfundenen Systemen zählen, welche vom Menschen gebraucht und benötigt werden.

Warum jedoch hat der Mensch solche Systeme, was treibt ihn dazu an, diese zu erfinden und diese auf eine solch einflussreiche Art und Weise in die Gesellschaft zu integrieren?

Dies hat zwei unabhängige Gründe, welche erörtert werden müssen, um den Sachverhalt vollständig begreiflich zu machen.

 

Einer der beiden Gründe ist evolutionsbiologischer Natur:

Eine Religion beeinflusst die sozialen Strukturen der Menschen, die dieser Religion zugehörig sind, auf eine positive Art und Weise. Innerhalb dieser Gruppe gibt es zum Beispiel ein stärkeres Zusammengehörigkeitsgefühl, wodurch die Menschen sich gegenseitig mehr unterstützen. Dies bringt der Gruppe einen Vorteil im „Kampf ums Dasein“ (Charles Darwin: „Struggle for Life“) gegenüber Einzelpersonen die keiner Gruppe angehören oder Gruppen, die sich nicht ihres Glaubens oder ihrer Grundsätze wegen zusammengeschlossen haben, sondern einfach dem Überlebenswillen wegen, da jeder Mensch innerhalb der religiösen Gruppe nicht nur das eigene Überleben als vordergründig erachtet. Des Weiteren wird eine solche Gruppe ihrer Grundsätze wegen besser strukturiert und organisiert sein.

Eine solche Gruppe hat also eine höhere Chance sich in der Welt durchzusetzen und jeder Einzelne dieser Gruppe hat somit auch eine höhere Chance zur Fortpflanzung, also zur Arterhaltung als Personen außerhalb dieser beziehungsweise einer anderen religiösen Gruppe.

Wenn man sich hier nun zum Beispiel den frühen Menschen ansieht, so wird man feststellen, dass, obwohl dieser nur schwach ausgeprägte soziale Strukturen hatte, er trotzdem Begräbnisse durchgeführt hat, die schon Symbolcharakter hatten, was zum Beispiel an Gräbern oder Grabbeigaben festgemacht werden kann.

Frühe Höhlenmalereien lassen außerdem darauf schließen, dass die Menschen zu dieser Zeit einen Schamanismus entwickelt haben.

Nun ist es jedoch nicht so, dass Menschen unabhängig voneinander die gleichen religiösen Ideen hatten und sich dann erst zusammengefunden haben, sondern so, dass Menschen die sich schon in Gruppen zusammengefunden haben ein gemeinsames religiöses System entwickelt haben. Somit ist es auch verständlich, dass in unterschiedlichen Teilen der Welt völlig verschiedene Religionen entstehen konnten.

Dass Religionen evolutionsbiologisch gesehen so wichtig für den Menschen sind hat inzwischen auch die moderne Neuropsychologie bewiesen. Der indische Neurologe Vilayanur S. Ramachandran hat ein, wie er es nennt „Gottesmodul“ in dem menschlichen Gehirn entdeckt (vgl. Wikipedia). Also ein Areal des Gehirns, das arbeitet, wenn der Mensch eine religiöse Tätigkeit ausübt.

Da sich auch das Gehirn des Menschen über die Jahrtausende entwickelt hat, ist davon auszugehen, dass dieser Teil anfangs nicht vorhanden oder nur sehr schwach ausgeprägt war, er jedoch größer und bedeutender wurde, als die Religion sich als nützlich für die Arterhaltung herausstellte.

Nun ist also deutlich geworden, dass die Religion einen großen Teil zur Arterhaltung des Menschen beiträgt oder zumindest in der frühen Zeit des Menschen beigetragen hat, da sie sich als nützlich erwiesen hat jedoch auch bis heute erhalten geblieben ist.

Der zweite Grund für die Wichtigkeit der Religion liegt in der menschlichen Psyche, in seinen einzigartigen geistigen Fähigkeiten begründet.

Eine der wichtigsten Fähigkeiten ist hier die Phantasie, denn sie unterscheidet den Menschen wohl am stärksten von anderen Tieren. Der Mensch benötigt seine Phantasie ab und an um aus der Realität auszubrechen. Dies tut er nicht unbedingt, weil er sich in ihr gefangen fühlt, sondern eher weil er die Möglichkeit dazu hat sich dann und wann in Tagträumen zu verlieren. Es ist nicht bekannt, dass es irgendein anderes Tier gibt das diese Fähigkeit ebenfalls besitzt.

Der graue Alltag, vor allem in der heutigen Zeit, mit all seinem Stress und seiner Gleichförmigkeit, unterdrückt die Phantasie des Menschen jedoch, was zur Folge hat, dass sie irgendwann verkümmert und der Mensch sie nicht mehr nutzen kann. Wenn dies geschieht, dann hat der Mensch eine seiner wichtigsten und schönsten Fähigkeiten verloren. Dadurch ändert sich auch der ganze Mensch. Dieses Phänomen kann man heute oft in der breiten Masse beobachten, denn immer mehr Menschen verlieren inzwischen ihre Phantasie.

Die Religion ist hier der ausgleichende Faktor. Durch ihre Mysterien, Rituale und Zeremonien erhält sie die Phantasie des Menschen nicht nur, sondern fördert sie.

Religiöse Zeremonien haben jedoch noch einen anderen Vorteil: Sie dienen der emotionalen und geistigen Reinigung des Menschen. All der Druck, all die geistigen Lasten die sich im täglichen Leben in einem Menschen anstauen können hier entladen werden. Durch den großen Symbolgehalt, den im Prinzip jede religiöse Zeremonie hat, sei es die Messe im Christentum mit dem Abendmahl oder die rituellen Tänze der Naturreligionen, werden die Emotionen der Menschen angeregt was automatisch eine Reinigung zur Folge hat.

Jeder Gläubige weiß, wie erhebend das Gebet in der Messe sein kann, oder wie sehr eine gute Predigt die Emotionen berühren kann. Die Reinigung geschieht somit unbewusst, wodurch sie erst wirklich zur Reinigung wird. Ein bewusstes befreien von geistigen Altlasten kann immer die Gefahr der Verdrängung bergen und die Folgen davon wären auf lange Sicht, wie uns die Psychoanalyse von Sigmund Freud lehrt, fatal.

Der so „befreite“ menschliche Geist kann zu neuen Höhenflügen aufsteigen. Es ist dadurch wieder mehr Platz für neue Ideen und größere geistige Arbeit.

Es gibt noch einen anderen positiven Nebeneffekt, den die Religion hier mit sich bringt: Durch den Glauben an eine bestimmte Sache, zum Beispiel einen Gott der über den Menschen in jeder Situation wacht, erhält der Mensch ein Gefühl von Sicherheit. So schaffen es Menschen mit schweren Schicksalsschlägen dank dem Glauben besser umzugehen, denn sie haben etwas, zu dem sie sich wenden können. Die Religion beschützt die Menschen somit auch vor einem geistigen Zusammenbruch.

Nun ist also deutlich geworden, dass die Religion nicht nur eine Berechtigung hat, sondern ein wichtiger und teils überlebenswichtiger Bestandteil des

menschlichen Lebens ist. Der Mensch braucht die Religion, heutzutage nicht mehr unbedingt um einen Vorteil im „Kampf des Dasein“ zu erhalten, jedoch mehr als zuvor um seine Phantasie zu erhalten und um seine geistige Stabilität zu gewährleisten beziehungsweise zu unterstützen.

 

Trotzdem wird die Kritik gegenüber der Religion, vor allem im Bezug auf die Weltreligionen (Judentum, Christentum, Buddhismus, Hinduismus, Islam) immer stärker und häufiger, wobei hier wahrscheinlich das Christentum und der Islam die meiste Kritik ernten. Die Kirchen verlieren immer mehr Anhänger und es ist bei weitem nicht so, dass viele Menschen dann konvertieren, sondern dass sie sich eher komplett von der Religion abwenden. Viele Menschen halten die Religionen und ihre Regeln auch für althergebracht und überholt und sind der Meinung, dass sie die Religion in ihrem Leben nicht benötigen.

Wenn die Religion, wie bereits gezeigt, einen solch wichtigen Platz im Leben der Menschen einnimmt, warum wird sie dann, vor allem heutzutage, nicht mehr so positiv aufgefasst? Warum wenden sich immer mehr Menschen von dieser wichtigen Sache ab, die sie doch im Leben unterstützen und nicht verärgern soll?

Dieses Phänomen lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: Die meisten Religionen verstoßen eigentlich gegen die Natur des Menschen.

So sehr ihre Mysterien und Zeremonien den Menschen zwar fördern und unterstützen, so sehr engen ihre Regeln den Menschen ein.

Dies liegt an der Natur des Menschen: Der Mensch ist im Grunde auch nur ein Tier und wie jedes Tier besitzt er gewisse Instinkte und Triebe.

Diese Triebe sind essentiell für das Überleben jedes einzelnen Menschen und auch für die Erhaltung der ganzen Art. Der Trieb zur Fortpflanzung treibt den Menschen dazu an um die Gunst eines Geschlechtspartners zu werben und sich mit diesem zu paaren, so dass Nachkommen gezeugt werden und die Art „Mensch“ erhalten bleibt.

Der Trieb zur Selbsterhaltung treibt den Menschen in Gefahrsituationen an, er ist der Überlebenswille des Menschen. Wenn der Mensch bedroht wird, so sorgt der Selbsterhaltungstrieb dafür, dass die entsprechende Person sich zur Wehr setzt um ihr eigenes Überleben zu sichern. Zum Selbsterhaltungstrieb zählt auch die Tatsache, dass der Mensch isst und trinkt sobald er Hunger oder Durst hat, denn würde er das nicht tun, so würde er auch sterben.

Die Triebe stellen hier also kein Problem da, denn ohne sie würde der Mensch, wie

jedes andere Tier, das diese Triebe nicht besitzt, aussterben.

Das Problem, unter dem der Mensch oft leidet, entsteht erst durch die Dualität zwischen den Trieben und seinem Intellekt. Dank seiner großen intellektuellen Fähigkeiten ist der Mensch dazu befähigt soziale Strukturen aufzubauen, die weit über das Herdenleben von Tieren hinausgehen. Somit ist der Mensch auch an gewisse zwischenmenschliche Regeln gebunden, die zwar nötig für ein vernünftiges Miteinander in sozialen Strukturen sind, oft aber auch die Triebe des Menschen limitieren.

Dieses Problem wird in dem „Strukturmodell der Psyche“ von Sigmund Freud verdeutlicht (vgl. Wikipedia): Das Modell beschreibt den menschliche Geist, also die menschliche Psyche, als aus drei Teilen bestehend. Es gibt zwei Teile, die im Unterbewusstsein liegen, das „Es“ und das „Über-Ich“. Das Über-Ich wird durch die anerzogenen gesellschaftlichen Regeln und Strukturen geformt und ist immer darauf bedacht diese umzusetzen. Das Es ist hier der Gegenpart. Es verkörpert die angeborenen Triebe des Menschen und versucht entsprechend diese immer umzusetzen.

Nun ist es nur logisch, dass es hier einen „Vermittler“ zwischen diesen beiden Teilen geben muss, da das verhalten eines Menschen sonst unkontrolliert wäre. Dieser „Vermittler“ liegt im Bewusstsein des Menschen und heißt in Freuds’ Strukturmodell „Ich“. Das Ich wägt ab, wann es den Trieben, also dem Es nachgeben sollte und wann die Regeln des Über-Ichs zu befolgen sind, es stellt somit einen Ausgleich her. Dadurch kann der Mensch problemlos in einer sozialen Gemeinschaft mit anderen Menschen leben ohne dass seine Triebe zu sehr unterdrückt werden. Ein dauerhaftes unterdrücken der Triebe führt laut Freud dazu, dass sie sich irgendwann umso stärker entladen.

Schaut man sich unter Beachtung dieser Fakten nun mal einige große Religionen an, so wird man feststellen, dass die meisten, wenn nicht sogar alle, die Auswirkungen der menschlichen Triebe als „böse“ oder unsittlich bezeichnen und göttliche Strafen androhen. Eine der sieben Todsünden im Christentum, die Wollust, zielt dabei auf den menschlichen Trieb zur Paarung ab. Dieser Trieb, den der Mensch nur unter großen psychischen Anstrengungen unterdrücken kann, wird somit als falsch und schlecht erklärt, obwohl er zur Natur des Menschen gehört und zur Arterhaltung beiträgt.

Ähnliches gilt für die Todsünde „Eitelkeit“ im Christentum: Sie zielt darauf ab, dass man sich nicht, durch zum Beispiel Kleidung, schmücken sollte. Der Eitelkeit macht man sich im engsten Sinne sogar schon schuldig, wenn man mehr am Leib trägt als unbedingt nötig wäre um sich vor Umweltbedingungen zu schützen. Umso seltsamer muten unter diesem Aspekt die prunkvollen Gewänder der Kirchenoberhäupter an.

Dass Kleidung jedoch auch der Arterhaltung dienen kann soll folgendes Beispiel zeigen:

Charles Darwin hat bewiesen, dass in der Natur, auch innerhalb von Tierarten, die Tiere, die am besten an die aktuellen Verhältnisse angepasst sind, sich am ehesten paaren können (Charles Darwin: „Survival of the Fittest“). Die Natur hat dazu zahlreiche Methoden entworfen, unter anderem den Balztanz. Die Paradiesvögel in den Tropen zum Beispiel haben ein sehr farbenfrohes, außergewöhnliches Federkleid. Doch wird von einem Weibchen für die Paarung am ehesten das Männchen ausgesucht, welches nicht nur das schönste Federkleid hat, sondern welches sich selbst am besten und überzeugendsten zur Schau stellt.

Dieses Phänomen kann man auch auf den Menschen übertragen: Eine Frau, die ihre Reize betont und ihre Makel verdeckt wird eher von Männern beachtet und begehrt als eine Frau die auf ihr Äußeres weniger achtet.

Genauso wird ein Mann von einer Frau eher beachtet wenn er seine positiven Eigenschaften hervorhebt. Dies kann immer auch durch Kleidung geschehen, so werden die optischen Reize einer Person anderen Geschlechts angesprochen.

Wenn man sich nun nicht schmücken darf, da man sich sonst der Eitelkeit schuldig macht, dann haben eben diese Menschen, die sich nicht an diese Ge- und Verbote halten einen Vorteil und können ihre Gene eher weitergeben.

Solche Gebote, die in den meisten Religionen üblich sind, laufen also offensichtlich wider die Natur des Menschen, unterdrücken Triebe, die zur Arterhaltung dienen sollen.

Natürlich stellt sich hier die Frage nach dem warum. Was ist der Grund dafür, dass Menschen, die eine Religion erfinden auch solche widernatürlichen Gebote erfinden?

Ein Erklärungsansatz sieht folgendermaßen aus:

Die Religionsväter haben schon sehr früh gemerkt, dass die breiten Massen die Religion positiv aufnehmen, denn wie bereits festgestellt ist die Religion ein wichtiger Bestandteil des Menschen.

Doch dadurch, dass die Religion so wichtig für den Menschen ist, ist der Mensch auch sehr leicht durch die Religion zu kontrollieren und zu manipulieren. Da die meisten Religionen die Unterwerfung unter Gott voraussetzen, ist es für Religionsführer ein leichtes, Menschen zu manipulieren, indem sie Gebote aufstellen, die „von Gott“ gewollt sind.

Gläubige Menschen werden dies nicht hinterfragen und diese Gebote annehmen.

Sind die Gebote und Verbote jedoch so ausgearbeitet, dass ein Mensch sie seinen Trieben wegen immer wieder brechen muss, so ist er von der Religion abhängig, da nur die Religionsführer den „sündigen“ Menschen „vergeben“ können.

Gebote, die also entgegen den menschlichen Trieben ausgerichtet sind, ermöglichen es den Religionsführern die Massen zu manipulieren, um etwaiges Aufbegehren zum Beispiel so zu vermeiden.

Aus dem Problem der Willkür folgt ein anderes Problem: Wenn die Religionsführer in Erklärungsnot geraten, weil zum Beispiel ein gottesfürchtiger Mensch einen schweren Schicksalsschlag erleidet. Das Leid, dass vor allem zu früheren Zeiten für die Menschen noch viel extremer war, wurde von den Religionsführern als „von Gott gewollt“ dargestellt, als eine Art Aufnahmeprüfung für das Paradies. Das Leiden der Menschen wird somit als zwangsläufig und unumgänglich deklariert, dabei sollte es jedoch nicht sein, dass ein Mensch in seinem Leben immer leidet, denn Leid ist kein Normalzustand, das sollte jedem vernünftigen Menschen ohne weitere Erklärung einleuchten.

Es ist nun offensichtlich, warum sich so viele Menschen inzwischen von der Religion abwenden. Es ist einfach anstrengend für einen Menschen immer wieder gegen die eigene Natur zu handeln.

 

Aus den beiden vorhergehenden Beweisen ergibt sich nun folgendes Dilemma:

Der Mensch benötigt ganz offensichtlich religiöse Systeme, die momentan gängigen sind jedoch absolut nicht zufrieden stellend, da sie nicht mit der Natur des Menschen konform gehen.

Es müsste also religiöse Systeme geben, die besser auf den Menschen abgestimmt sind und dadurch für den Menschen zufrieden stellender sind.

Im ersten Moment scheint es vielleicht schwierig, ein System zu erfinden, welches besser auf die menschlichen Bedürfnisse und die menschliche Dualität von Intellekt und Trieben abgestimmt ist. Jedoch ergibt sich ein solches System aus den Kritikpunkten, die man zu anderen, gängigen Systemen finden kann.

Im Folgenden soll nun kein komplettes religiöses System vorgestellt werden, sondern es sollen nur Aspekte aufgezeigt werden, auf denen ein besseres System aufgebaut sein sollte.

Da die Religion, wie bereits gezeigt, einen solch tief greifenden Einfluss auf das menschliche Verhalten hat, sollte sie gewisse Regeln und Verhaltensvorschriften liefern. Diese Regeln der Religion sollten, um es aus der psychoanalytischen Sichtweise zu sehen, dem Ich eine Stütze sein um die Balance zwischen den sozialen Regeln und Strukturen und den eigenen Trieben leichter herzustellen und auch zu halten. Daraus ergibt sich, dass diese religiösen Regelwerke die Triebe des Menschen hundertprozentig mit einbeziehen und unterstützen müssen, die sozialen Strukturen und Regeln jedoch nicht außer Acht lassen dürfen. Die Religion würde hier also die Verantwortung haben, in ihren Regelwerken eine Vermittlung, beziehungsweise einen Mittelweg, zwischen den Trieben und den sozialen Strukturen zu finden. Da die sozialen Verhältnisse sich jedoch ändern können, ist es logisch, dass die Religion in solch einem Fall ihre Regeln auch anpassen muss, da sie dem Menschen sonst keine Hilfe mehr ist. Eine Änderung der Regelwerke dürfte aber immer nur unter den genannten Gesichtspunkten passieren.

Das Zweite, wofür die Religion verantwortlich ist, ist der Aufbau von Mysterien und die Anleitung des Menschen zu Zeremonien. Wie sich diese Mysterien und Zeremonien gestalten sei hier nicht das Thema, da dies immer abhängig von dem Grundgedanken der Religion ist.

Beide Aspekte, die Zeremonien und die Mysterien müssen gewisse Voraussetzungen erfüllen: Die Mysterien müssen sich deutlich von der realen Situation des Menschen abheben, dürfen also nicht unmittelbar auf der Realität aufbauen. Dieser Fakt liegt darin begründet, dass die Mysterien die Phantasie des Menschen erhalten und ihn zeitweise aus der Realität herausheben sollen.

Die Zeremonien müssen, um ein einheitliches Bild der Religion zu vermitteln, in irgendeiner Weise auf diesen Mysterien beziehungsweise Glaubensgrundsätzen aufbauen. Des Weiteren sind sie für die geistige und emotionale Reinigung des Menschen verantwortlich, sie müssen somit die Emotionen des Menschen ansprechen. Hierzu eignen sich ganz besonders eine spezielle Art von Musik, Sprache und auch Bilder, aber auch Schauspiele können den Menschen emotional berühren. Wichtig ist, dass der Mensch während der Zeremonie den Alltag vergisst und voll und ganz in der rituellen Tätigkeit aufgeht. Es sei angemerkt, dass Messen, in denen nur ein Mensch (vor)spricht und predigt hier nicht die einzige Möglichkeit sind. Ein Bühnenspiel, das jeden Anwesenden mit einbezieht kann genauso gut, oder sogar besser auf den Menschen wirken.

Ob die Religion auf einem Theismus oder einem Atheismus aufbaut, ist irrelevant. Schon heute gibt es beiderlei Religionen, auch wenn die Zahl der theistischen Religionen weit überwiegt. Wirksame Mysterien innerhalb einer atheistischen Religion aufzubauen kann sehr mühselig sein und oft ist es zumindest für die Zeremonien unumgänglich einen gewissen Anteil an Theismus zuzulassen.

Ein Beispiel hierzu:

Eine Religion, die dem Menschen keinen Gott lehrt, jedoch mythologische Gestalten, welche aber dann als „nicht existent“ erklärt werden, sondern nur als „in der menschlichen Psyche verhaftet“, kommt in der Zeremonie nicht darum herum diese Gestalten anzurufen. Wie der einzelne Mensch sich diese Gestalten in einem solchen Moment vorstellt, ob als externe oder interne Kräfte, ist unerheblich, jedoch wird es beiderlei Ansichten geben. Der Glaube an externe Kräfte ist also, egal welcher Gedanke der Religion zugrunde liegt, in manchen Situationen oft zwangsläufig.

Ob ein Gott im Glauben für einen bestimmten Menschen als externes Wesen vorhanden sein muss, das muss jeder Mensch individuell für sich entscheiden.

Des Weiteren sollte auch klar sein, dass ein Gott immer nur auf den Charakter beziehungsweise die charakterlichen Bedürfnisse der Person zugeschnitten ist, die diesen Gott erdacht hat. Die logische Schlussfolgerung für eine Person, die an einen externen Gott glauben möchte, ist diesen Gott selbst zu erdenken. Diese Praktik schließt eine gemeinsame Religionsgemeinschaft mit anderen Menschen, die dies ebenso handhaben jedoch nicht aus, da nicht der Gott allein der Religion zugrunde liegen muss.

 

Abschließend sei nun gesagt, dass es offensichtlich religiöse Systeme geben kann, die besser auf den Menschen abgestimmt sind. Diese Systeme gestalten sich natürlich um einiges anders als die der momentan üblichen Religionen. Diese neuen Systeme sind keineswegs falsch, allerhöchstens ungewöhnlich, aber auch nur, weil sie nicht zu den geltenden Konventionen passen, von denen sich viele erst durch die

großen Religionen in der Gesellschaft durchgesetzt haben.

Um diese neuen Systeme anzunehmen, muss man also im ersten Schritt erkennen, dass gültige Konventionen auch oft erst durch die Religion entstanden sind und im zweiten Schritt muss man mit diesen Konventionen brechen.

Der Mensch braucht die Religion, also sollte sie so geschaffen sein, dass der Mensch sich ihr zuwenden will. Diese neuen Systeme würden genau das bewirken.

 

Kevin P. Hoffeld

Kommentare (6)

  • Sil
    17 Mai 2012 um 08:36 |

    Ja, da bin ich auch Deiner Meinung. Da tut der WWF sich eigentlich keenin Gefallen. Aber es ist und bleibt ein Spagat. Trotzdem bin ich der Meinung, dass der WWF eine der Organisationen ist und -hoffentlich- bleibt, die sich ganz gezielt Projekten widmet und sich der Nachhaltigkeit verbunden ffchlt.

  • Sil
    17 Mai 2012 um 08:36 |

    Ja, da bin ich auch Deiner Meinung. Da tut der WWF sich eigentlich keenin Gefallen. Aber es ist und bleibt ein Spagat. Trotzdem bin ich der Meinung, dass der WWF eine der Organisationen ist und -hoffentlich- bleibt, die sich ganz gezielt Projekten widmet und sich der Nachhaltigkeit verbunden ffchlt.

  • Sil
    17 Mai 2012 um 08:36 |

    Ja, da bin ich auch Deiner Meinung. Da tut der WWF sich eigentlich keenin Gefallen. Aber es ist und bleibt ein Spagat. Trotzdem bin ich der Meinung, dass der WWF eine der Organisationen ist und -hoffentlich- bleibt, die sich ganz gezielt Projekten widmet und sich der Nachhaltigkeit verbunden ffchlt.

  • 19 Mai 2012 um 03:36 |

    I've been stuck on chapter 11 for about 4 weeks now, don't feel bad. Of coruse, to try and compensate, I started a short story and I feel even worse because now I have TWO things not done!

  • 19 Mai 2012 um 03:36 |

    I've been stuck on chapter 11 for about 4 weeks now, don't feel bad. Of coruse, to try and compensate, I started a short story and I feel even worse because now I have TWO things not done!

  • 19 Mai 2012 um 03:37 |

    I've been stuck on chapter 11 for about 4 weeks now, don't feel bad. Of coruse, to try and compensate, I started a short story and I feel even worse because now I have TWO things not done!

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